Klarstellung zur Cohiba Behike: Jorge Luís Fernández Maique im exklusiven Interview
Jorge Luís Fernández Maique – der eng mit der legendären Cohiba Behike von 2006 verbundene Branchenkenner und seit 2021 bei Casa Carillo tätig – war am 08.10.26 zu Besuch im House Of Smoke in Basel. Die Zigarren von Casa Carillo werden in der Schweiz von The Royal Cigar Company AG importiert. Ich führte vor dem Event exklusiv ein Interview mit ihm über die Kunst der Zigarrenkreation, das Zusammenspiel verschiedener Generationen und die Philosophie hinter den aussergewöhnlichen Blends.

Jorge Luís Fernández Maique (Casa Carillo) und Dominik Mezzomo (The Royal Cigar Company AG, Basel) begrüssen die Gäste zum einmaligen Event im House Of Smoke in Basel.
Ein Abend voller Tabakwissen, Gastfreundschaft und (auch kubanischer) Anekdoten
Vor ausverkauftem Haus entfachte Jorge Luís Fernández Maique ein wahres Feuerwerk des Tabakwissens: Er entführte das Publikum in die faszinierende Welt der Aromen und erklärte meisterhaft, wie Tabake aus verschiedenen Anbaugebieten rund um den Globus ihre charakteristischen Eigenschaften entfalten und welche schöpferische Alchemie hinter der Kunst des Blendens steckt.

Umrahmt wurde dieser hochkarätige Wissensaustausch von der gewohnt herzlichen Gastfreundschaft des House-of-Smoke-Teams, das die Gäste mit wunderbaren Häppli und einer wärmenden Gemüsesuppe verwöhnte. Die Atmosphäre an diesem Abend war von einer wunderbaren, tiefen Entspanntheit geprägt – perfekt, um sich ganz dem Genuss hinzugeben. Im Preis inbegriffen waren auch zwei Casa Carillo Zigarren.

Claudia Puszkar und Jorge Luís Fernández Maique.
Kubanische Zigarrenkultur neu erleben: Mit Origin Of Cigar hat Claudia ein echtes Herzensprojekt ins Leben gerufen. Die Website vereint die Historie traditionsreicher Marken in modernem Look mit drei faszinierenden Dokumentarfilmen, die wir von 2023 bis 2025 mit viel Leidenschaft für dich produziert haben. Und: Alles ist absolut kostenlos.
Für einen unvergesslichen Überraschungsmoment sorgte schliesslich Dominik Mezzomo von The Royal Cigar Company: Spontan stellte er die Begleitung von mir, die Habanos-Historikerin Claudia Puszkar, dem Publikum vor (Claudia und Jorge kennen sich noch von früher, als er bei Habanos S.A. tätig war). Inhaber Raymondo Bernasconi ergänzte charmant, dass Claudia und ich bereits gemeinsame Dokumentarfilme auf Kuba gedreht haben. So absolvierten wir beide kurzerhand einen ungeplanten, temperamentvollen Gastauftritt, bei dem wir von den Dreharbeiten auf der Karibikinsel berichteten – ein humorvolles, spontanes Highlight, das diesen ohnehin perfekten Zigarrenabend abrundete.

Vasilij Ratej und Jorge Luís Fernández Maique haben’s offenbar lustig 😄
Das Interview: Zusammenarbeit mit Ernesto Pérez-Carrillo
ZiZo: Ernesto Pérez-Carrillo gilt als strategisches Genie. Wie sieht die tägliche Zusammenarbeit aus, wenn Sie gemeinsam an einer neuen Zigarre arbeiten?
Jorge: Die Zusammenarbeit mit Ernesto ist ein sehr bereichernder Prozess, da er enorme Erfahrung mit einer Neugier verbindet, die er nie verloren hat. Wenn wir eine neue Zigarre entwickeln, geht es nicht einfach darum, uns hinzusetzen und zu entscheiden, welche Tabake wir verwenden. Es ist ein Prozess aus Gesprächen, Verkostungen, Anpassungen und vor allem gemeinsamem Rauchen.

Ernesto hat eine aussergewöhnliche Fähigkeit, sich vorzustellen, wie sich eine Mischung entwickeln und was jeder Tabak dazu beitragen kann. Auch ich arbeite schon seit vielen Jahren mit Tabak und habe meine eigene Art, eine Mischung zu interpretieren. Deshalb tauschen wir oft Ideen aus, hinterfragen bestimmte Elemente und entwickeln verschiedene Versionen, bis wir die Balance gefunden haben, die wir suchen.

An diesem Prozess ist auch Ernie (der Sohn von Ernesto Carillo, Anm.d.Red.) beteiligt, der sich immer direkter in die Entwicklung neuer Mischungen einbringt. Das tat er zunächst bei „Encore Black“, seiner ersten Mischung, und setzt dies nun aktiv bei seiner neuen Mischung „INCH Iron“ fort. Diese Beteiligung bringt eine weitere Perspektive in den Prozess ein und unterstreicht etwas, das wir bei Casa Carrillo sehr schätzen: die Kombination verschiedener Generationen, Erfahrungen und Arten, Tabak zu interpretieren, innerhalb eines einzigen kreativen Prozesses.

Wichtig ist, dass in diesem Prozess kein Ego eine Rolle spielt. Es gibt nur ein Ziel: die bestmögliche Zigarre zu kreieren.
Oftmals kann ein scheinbar kleiner Unterschied – wie ein Blatt, eine bestimmte Position an der Pflanze, eine andere Herkunft oder eine Abweichung im Mischungsverhältnis – den Charakter der Zigarre völlig verändern. Genau darin liegt der Reichtum der Zusammenarbeit: Erfahrung, Intuition und technisches Wissen so zu kombinieren, bis die Zigarre ihre eigene Identität erhält.
Die Erfahrung mit Cohiba Behike
Sie waren an der Entwicklung von Cohiba Behike beteiligt. Inwiefern hilft Ihnen diese Erfahrung heute bei der Entwicklung neuer Zigarren für E.P. Carrillo?
Eine Klarstellung ist wichtig: Ich war nicht der Schöpfer der ursprünglichen Behike, obwohl ich sehr eng mit dem ersten Projekt im Jahr 2006 verbunden war, als jene berühmte limitierte Auflage in einem Humidor vorgestellt wurde.
Die Humidore wurden von Elie Bleu in Frankreich hergestellt, und aufgrund der enormen Komplexität ihrer Fertigung besuchte ich die Fabrik während der Projektentwicklung sogar bis zu zweimal pro Woche. Es handelte sich nicht einfach nur um einen Humidor. Aufgrund der verwendeten Materialien, des Designs und der verschiedenen Komponenten war es ein sehr komplexes Produkt.
Die Zigarren wurden aus Kuba verschickt, und nachdem der Humidor fertig entwickelt war, tauchte ein weiteres Problem auf, das zunächst einfach schien, sich aber letztendlich als fast ebenso komplex erwies wie die Herstellung der Schatulle selbst.
Der Humidor verfügte über zwei geneigte Fächer und musste in Märkte auf der ganzen Welt versandt werden, ohne dass sich die Zigarren während des Transports verschoben. Wir mussten eine spezielle Schaumstoffeinlage entwickeln, die die Position der Fächer und der Zigarren perfekt fixierte, ohne die Optik zu beeinträchtigen.
Später war meine Beteiligung wesentlich direkter. Als Marketingdirektor leitete ich das Team, das innerhalb der Marke Cohiba eine neue Linie entwickeln sollte. Damals schlug ich vor, die „Medio Tiempo“ als eines der Unterscheidungsmerkmale aus der Behike-Linie einzusetzen.
Die Idee entstand aus meiner eigenen beruflichen Erfahrung. In meinen ersten Berufsjahren war ich eng mit dem Export von Rohtabak verbunden und stieg schliesslich zum Vertriebsleiter für diesen Bereich bei Cubatabaco auf. Dadurch lernte ich die verschiedenen Positionen der Pflanze und die besonderen Eigenschaften jedes einzelnen Blattes aus nächster Nähe kennen.
Der „Medio Tiempo“ war mir aufgrund seiner Seltenheit, seiner Intensität und seiner Persönlichkeit schon immer als aussergewöhnlicher Tabak erschienen. Als wir darüber nachdachten, welches Element diese neue Linie innerhalb von Cohiba wirklich von anderen abheben könnte, erinnerte ich mich an diesen Tabak und kam zu dem Schluss, dass er dem Projekt eine ganz besondere Identität verleihen könnte.
Diese Erfahrung prägt meine heutige Arbeit bei Casa Carrillo nach wie vor stark.
Sie hat mir gezeigt, dass die Entwicklung einer grossartigen Zigarre nicht nur darin besteht, Tabake zu mischen. Man muss den Rohstoff tiefgreifend verstehen, seine Herkunft, sein Verhalten und sein Potenzial kennen und dann jenes Element finden, das dem Produkt eine eigene Identität verleiht.
Ausserdem habe ich etwas sehr Wichtiges gelernt: Hinter einer aussergewöhnlichen Zigarre steckt eine Menge Arbeit, die der Konsument nie zu sehen bekommt. Dazu gehören die Tabakselektion, Verkostungen, das Design, die Produktion, die Präsentation, die Logistik und eine enorme Liebe zum Detail.
Genau diese Philosophie versuche ich heute anzuwenden, wenn wir an neuen Projekten für E.P. Carrillo arbeiten.
Der Wandel von „Tabacalera La Alianza“ zu „Casa Carrillo“
Die Manufaktur hat kürzlich ihren Namen von „Tabacalera La Alianza“ in „Casa Carrillo“ geändert. Was ist der strategische Grund für diese Änderung im Hinblick auf die globale Positionierung der Marke?
Casa Carrillo spiegelt viel besser wider, wer wir heute sind und wohin wir das Unternehmen führen wollen. „Tabacalera La Alianza“ hat für uns eine sehr wichtige Geschichte und wird immer Teil unserer Herkunft sein, aber das Unternehmen hat sich erheblich weiterentwickelt.

Heute sind wir nicht mehr nur eine Fabrik, die Zigarren herstellt. Hinter jedem Produkt steht eine Familie, eine Philosophie, ein Team, eine Kultur und eine ganz besondere Art, Tabak zu verarbeiten. Der Name Casa Carrillo vereint all das unter einer gemeinsamen Identität.
Auch aus internationaler Sicht war es wichtig, die Verbindung zwischen unserer Manufaktur, unseren Zigarren und dem Nachnamen Carrillo zu stärken. Wenn jemand „E.P. Carrillo“ hört, möchten wir, dass er sofort versteht, dass dahinter Casa Carrillo steht: der Ort, an dem die Ideen entstehen, an dem wir die Mischungen entwickeln, die Tabake auswählen und unsere Zigarren herstellen.
Zudem vermittelt das Wort „Casa“ etwas, das für uns sehr wichtig ist: Tradition, Familie, Herkunft und Zugehörigkeit. Deshalb betrachten wir dies nicht einfach als eine Namensänderung. Es ist eine natürliche Weiterentwicklung des Unternehmens und zugleich eine Plattform, um eine stärkere und einheitlichere globale Identität für die Zukunft aufzubauen.
Tabake aus Ecuador, Nicaragua und anderen Herkunftsländern
E.P. Carrillo verwendet viel Tabak aus Ecuador und Nicaragua. Was fasziniert Sie daran, mit Tabaken aus diesen Ländern im Vergleich zu anderen Regionen zu arbeiten?
Das Faszinierende am Tabak ist, dass jede Herkunft eine eigene Persönlichkeit hat, und gerade einer der Reize unserer Arbeit bei Casa Carrillo besteht darin, diese Herkunftsorte auf ganz unterschiedliche Weise innerhalb einer einzigen Zigarre einsetzen zu können.
Ecuador ist ein gutes Beispiel dafür. Wir arbeiten mit verschiedenen Sorten ecuadorianischen Tabaks, hauptsächlich als Deckblatt und Umblatt, und das ermöglicht es uns, mit sehr unterschiedlichen Profilen in Bezug auf Aroma, Textur, Abbrand und Eleganz zu spielen.
Nicaragua bietet uns noch mehr Möglichkeiten, da wir Tabake aus diesem Land als Deckblatt, Umblatt und Einlage verwenden. Je nach Region, Saatgut und Lage des Blattes finden wir Tabake mit viel Struktur, Stärke, Würze, Süsse und einer enormen aromatischen Tiefe.
Doch unsere Palette ist noch viel breiter. Wir arbeiten auch mit Tabaken aus Connecticut und Pennsylvania, die wir als Deckblatt, Umblatt oder Einlage verwenden können; mit Tabaken aus Mexiko, ebenfalls in allen drei Funktionen; mit Tabaken aus Honduras, hauptsächlich als Umblatt und Einlage; mit Tabaken aus Kamerun, vor allem als Deckblatt; und natürlich mit einer grossen Vielfalt an Tabaken aus der Dominikanischen Republik.
Für uns ist die Herkunft wichtig, aber ebenso wichtig ist die Funktion, die jedes Blatt innerhalb der Zigarre erfüllt.
Ein und dieselbe Herkunft kann völlig unterschiedliche Eigenschaften beisteuern, je nachdem, ob wir das Blatt als Deckblatt, Umblatt oder Einlage verwenden. Und genau hier beginnt die eigentliche Arbeit des Blenders: zu verstehen, was jeder Tabak beitragen kann und in welcher Position er sich am besten entfalten kann.
Das Ziel ist nicht, dass alle Komponenten die gleichen Eigenschaften haben. Wir streben vielmehr danach, dass sie sich ergänzen: Eine Sorte kann Stärke beisteuern, eine andere Aroma, eine weitere Süsse, eine andere den Abbrand und wieder eine andere die Struktur.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dafür zu sorgen, dass alle ihre Persönlichkeit behalten und gleichzeitig ein ausgewogenes und wiedererkennbares Ganzes bilden. Dieses Gleichgewicht zwischen Herkunft, Funktion und Charakter ist einer der spannendsten Aspekte bei der Entwicklung einer Zigarre.

Legendäre Mischungen
Was macht eine Tabakmischung wirklich legendär und wie erreicht man diese Perfektion?
Ich glaube, eine legendäre Mischung braucht drei Dinge: Ausgewogenheit, Persönlichkeit und Erinnerung.
- Ausgewogenheit bedeutet, dass kein Element die anderen negativ dominiert. Man kann eine kräftige, milde, süsse, würzige oder sehr komplexe Zigarre kreieren und dennoch Ausgewogenheit erreichen. Ausgewogenheit bedeutet nicht unbedingt Milde; sie bedeutet Harmonie.
- Dann kommt die Persönlichkeit. Eine grossartige Zigarre muss etwas aussagen. Sie muss eine erkennbare Identität haben. Wenn du zehn verschiedene Zigarren rauchst und dich danach nicht mehr daran erinnern kannst, welche welche war, hat wahrscheinlich keine einen wirklich besonderen Eindruck hinterlassen.
- Und schliesslich ist da noch die Erinnerung. Grossartige Zigarren sind solche, an die man sich noch Tage, Monate oder sogar Jahre nach dem Rauchen erinnern kann. Man erinnert sich nicht nur an bestimmte Aromen, sondern an das gesamte Erlebnis.
Wie erreicht man das?
Es gibt keine mathematische Formel. Es braucht Wissen, Erfahrung, Intuition und vor allem jede Menge Tests.
Man wechselt ein Blatt, verändert ein Verhältnis, probiert eine andere Position der Pflanze aus, verwendet eine andere Herkunft, lässt die Zigarre reifen, raucht sie erneut und beginnt wieder, sie zu analysieren. Manchmal änderst du etwas, das scheinbar unbedeutend war, und die Zigarre verändert sich komplett.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, den ich für grundlegend halte: zu wissen, wann man aufhören muss. Beim Blending kann man immer weiter Dinge verändern. Man kann immer denken, dass eine neue Änderung die Zigarre verbessern könnte.
Die wahre Kunst besteht darin, den Moment zu erkennen, in dem die Zigarre ihre Identität gefunden hat. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, sollte man nicht mehr versuchen, etwas daran zu ändern.
Man muss das schützen, was man gerade geschaffen hat. Letztendlich entsteht eine wirklich unvergessliche Mischung nicht nur durch die Kombination guter Tabake. Sie entsteht, wenn diese Tabake gemeinsam eine Geschichte erzählen.
Herzlichen Dank für diese höchst interessanten Ausführungen!
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