Blindtasting Zigarre: Was verrät sie ohne ihren Namen?
Vor mir liegt ein anonyme Zigarre. Keine Marke, keine Herkunft, keine Vitola – nur die Zigarre und das, was sie mir beim Rauchen zeigt. Genau dieses Erlebnis kannst du selbst ausprobieren: Am 23. September 2026 bei MADURO in Olten führe ich durch ein gemeinsames Blindtasting. Eine Churchill, kein Zigarrenring, kein Markenname, kein Preis – erst nach der Verkostung wird aufgelöst, was wir tatsächlich geraucht haben.
Wie stark beeinflusst ein Name das, was du wahrnimmst? Finde es selbst heraus. Lese bitte in diesem Review, wie spannend das sein kann.
In diesem Review
Beobachtet bei der Verkostung
- Rauchstruktur: Mitteldicht, löst sich normal auf. In der ersten Hälfte wird der Rauch dichter, in der zweiten Hälfte verdichtet er sich noch weiter.
- Balance: Leicht bitter mit etwas mehr Säure, dabei in Balance. Sehr leicht salzig (ein Hauch). Komplex; im letzten Drittel wird eine Süsse stark merkbar.
- Entwicklung: Umami ist am Anfang präsent und in Balance. Im Verlauf gewinnt Umami an Präsenz in Verbindung mit mehr Säure und Bitterkeit. Der salzige Hauch bleibt leicht wahrnehmbar. Ab der zweiten Hälfte zeigt sich viel Speichelbildung, viel Umami, etwas Süsse sowie mehr Bitterkeit und Säure. Der Verlauf wird komplexer, tiefer und die Süsse nimmt zu.
- Stärke: 2/5 → 3/5
- Konstruktion: Gleichmässig verteilte Blätter in der Einlage, sehr gut gerollt, die Luftkanäle sind offen.
- Abbrand: Gleichmässig und langsam.
Rauchstruktur – Wie verhält sich der Rauch?
Schon bei den ersten Zügen zeigt sich der Rauch mitteldicht. Ich beobachte, wie er im Raum steht und sich weder zu schnell noch zu langsam auflöst. Im weiteren Verlauf der ersten Hälfte verändert sich das Bild: Der Rauch gewinnt an Masse und wird spürbar dichter. Wenn ich der Zigarre Zeit lasse und den Verlauf in der zweiten Hälfte beobachte, legt sich der Rauch noch kompakter und dichter auf die Zunge.

Die Zigarre bleibt vollständig anonym. Entscheidend ist allein, was sich während der Verkostung tatsächlich beobachten lässt.
Warum verhält sich die Zigarre so?
Wie dicht Rauch erscheint und wie schnell er sich im Raum auflöst, kann unter anderem von der Dichte der Tabakverarbeitung, der Eigenfeuchtigkeit, dem Schnitt der Einlageblätter sowie vom individuellen Zugrhythmus beeinflusst werden.
Balance – Wie harmonisch arbeitet der Blend?
Vom ersten Drittel an nehme ich eine feine Abstimmung wahr: Eine leichte Bitterkeit verbindet sich mit einer etwas ausgeprägteren Säure zu einer harmonischen Balance. Zusätzlich begleitet ein ganz zarter, fast scheuer Hauch von Salzigkeit das Mundgefühl. Im Verlaufe des Smokes bleibt diese Abstimmung erhalten, während die Komplexität zunimmt. Im letzten Drittel bricht schliesslich eine deutliche Süsse durch, die sich kraftvoll in das Gesamtbild einfügt.
Was ist Umami?
In Tasting Notes wird der Begriff Umami verwendet, um eine feine, herzhafte und mundwässernde Tiefe im Rauch zu beschreiben. Anders als prägnante Noten wie Schärfe oder Süße sorgt Umami auf der Zunge und im Abgang für ein ausbalanciertes, dichtes und langanhaltendes Geschmacksgefühl.
Warum verhält sich die Zigarre so?
Die geschmackliche Balance und das Zusammenspiel der Grundempfindungen hängen allgemein von der Auswahl der Tabaksorten, deren Blattpositionen an der Pflanze, dem Fermentationsgrad und der exakten Zusammenstellung des Blends ab. Auch die Lagerdauer hat Einfluss auf das Mundgefühl.

Rauchstruktur: Zu Beginn ist der Rauch mitteldicht. Bereits in der ersten Hälfte nimmt seine Dichte zu, in der zweiten Hälfte wird er nochmals dichter.
Einladung von Zigarren.Zone
Entwicklung – Verändert sich die Zigarre?
Zu Beginn ist die Umami-Empfehlung präsent und fügt sich harmonisch in die Grundbalance ein. Mit fortschreitender Zeit beobachte ich eine stetige Intensivierung: Umami gewinnt gemeinsam mit der zunehmenden Säure und Bitterkeit an Präsenz. Die salzige Note bleibt im Hintergrund leicht wahrnehmbar.
Ab der zweiten Hälfte reagiert mein Mundraum spürbar mit viel Speichelbildung. Das Geschmacksbild wird vielschichtiger, gewinnt an Tiefe und zeigt neben der Säure und Bitterkeit eine stetig zunehmende Süsse.
Warum verhält sich die Zigarre so?
Geschmackliche Veränderungen während des Rauchens entstehen durch die wandernde Glutzone, die Erwärmung des verbleibenden Zigarrenkörpers, das Anreichern von Kondensaten im hinteren Teil sowie die kontinuierliche Konzentration des Rauchs.
Stärke – Wie entwickelt sich die Kraft?
Ich nehme die Zigarre im ersten Abschnitt mit einer zurückhaltenden Kraft wahr, die ich bei 2/5 einordne. Im weiteren Verlauf schiebt sich die Stärke langsam und gleichmässig nach vorne. Zur zweiten Hälfte hin pendelt sich die wahrgenommene Kraft auf einem mittleren Niveau von 3/5 ein.
Warum verhält sich die Zigarre so?
Die Intensität und Stärke einer Zigarre werden allgemein durch den Anteil an nikotinreichen Tabakblättern (wie Ligero) bestimmt. Zudem nimmt die wahrgenommene Kraft meist zu, je kürzer die Zigarre geraucht wird und je näher die Glut dem Mundstück kommt.

Umami gewinnt an Präsenz, Säure und Bitterkeit werden stärker wahrnehmbar. Später kommen stärkere Speichelbildung und zunehmend Süsse hinzu.
Was passiert, wenn dein Gehirn plötzlich blind fliegen muss? Unser Verstand ist faul: Er schmeckt, was das Etikett ihm verspricht. Fehlt dieses Signal, schüttet dein Gehirn blitzartig Dopamin aus – getrieben von purer Neugier. Dein neurologisches Belohnungssystem schaltet auf maximale Schärfung aller Sinne. Erlebe am 23.09.2026 im Maduro Olten unter der Leitung von Vasilij Ratej, wie deine Wahrnehmung ohne Marken-Filter völlig neu verdrahtet wird. 👉 Jetzt Sinne aktivieren & Platz sichern
Konstruktion und Abbrand – Wie sauber arbeitet die Zigarre?
Beim Blick auf das Glutbett und den Zugweg zeigt sich eine handwerklich saubere Arbeit. Die Blätter in der Einlage sind gleichmässig verteilt, und das Exemplar ist sehr gut gerollt. Die Luftkanäle sind offen, was einen mühelosen Rauchfluss erlaubt. Die Zigarre brennt von Beginn bis zum Ende gleichmässig und langsam ab, ohne dass Korrekturen notwendig sind.
Warum verhält sich die Zigarre so?
Ein gleichmässiger Abbrand und offene Luftkanäle beruhen auf einer sorgfältigen Verteilung der Einlageblätter (Entrippung und Einrolltechnik) sowie der korrekten Feuchtigkeit während der Rollung und Lagerung.
Wirkung von Fermentation und Reife
Aus meinen Notizen geht hervor, dass die Zigarre etwa 3 bis 4 Jahre alt ist. Drei Jahre davon verbrachte sie im eigenen Humidor des Verkosters, nachdem sie zirka ein Jahr vor der Einlagerung gerollt wurde. Der Tabak zeigt sich während des Smokes ausgewogen und entwickelt ab der zweiten Hälfte eine ausgeprägte Tiefe sowie eine starke Speichelbildung.
Warum verhält sich die Zigarre so?
Während der Fermentation vor dem Rollen werden Eiweisse und Bitterstoffe im Tabak abgebaut. Nach dem Rollen setzen sich über Jahre hinweg langsame Reifeprozesse fort, die Schärfe mildern und das Geschmacksbild abrunden können.

Konstruktion und Abbrand: Die Einlage erscheint gleichmässig verteilt, die Luftkanäle sind offen. Der Abbrand verläuft während der Verkostung gleichmässig und langsam.
Fazit
Dieses Blindtasting offenbarte eine handwerklich hervorragend verarbeitete Zigarre mit offenem Zug und sehr gleichmässigem, langsamem Abbrand. Strukturell überzeugte sie durch einen von 2/5 auf 3/5 ansteigenden Kraftverlauf sowie eine spürbare Rauchverdichtung in der zweiten Hälfte. Das Geschmacksbild blieb durchgehend in Balance zwischen Bitterkeit, Säure und Umami, während ab der Mitte viel Speichelbildung und im letzten Drittel eine deutliche Süsse hinzukamen.
Häufige Fragen
Was versteht man unter einem Blindtasting bei Zigarren?
Bei einem Blindtasting wird eine Zigarre ohne Anilla (Bauchbinde) und ohne Kenntnis von Marke, Herkunft oder Preis verkostet. Der Faszination liegt darin, die Zigarre völlig frei von Markenimages oder Erwartungshaltungen ausschliesslich mit den eigenen Sinnen zu bewerten und unvoreingenommen zu erleben.
Warum ist ein Blindtasting für den eigenen Geschmackssinn sinnvoll?
Ohne visuelle Reize und Vorurteile schaltet das Gehirn auf maximale Aufmerksamkeit. Ein Blindtasting schärft die sensorische Wahrnehmung für Rauchstruktur, Stärke und Balance. Es hilft, den eigenen Geschmack unabhängig von Marketingversprechen, Preisklassen oder Namen objektiv zu schulen und neu einzuschätzen.
Wie läuft ein Blindtasting in der Praxis ab?
Die Zigarren werden vorab anonymisiert, sodass das Erscheinungsbild neutral bleibt. Während des Smokes werden alle Beobachtungen zu Konstruktion, Abbrand, Balance, Stärke und Zugverhalten auf einem neutralen Tasting-Bogen dokumentiert. Erst nach dem vollständigen Rauchen wird aufgelöst, um welche Marke und Vitola es sich handelt.

Letzte Phase: Die Stärke steigt im Verlauf von 2/5 auf 3/5. Gleichzeitig wird die Süsse im letzten Drittel deutlich stärker wahrnehmbar.
Was, wenn dir dein Geschmack die ganze Zeit nur etwas vorgaukelt? 👇 Dokumentafilm, klicke auf das Bild👇
👉 Falls du keinen YouTube Kanal hast, klicke bitte hier und du kannst dir den Film ohne Account ansehen.

Weiterführender Artikel
Quellen und Grundlagen
Dieser Artikel basiert auf der Verkostung der beschriebenen Zigarre aufgrund von eigener Erfahrung als Zigarren Geniesser seit 1996, sowie auf Fachliteratur zu Tabak, Fermentation, Reifung und den physikalischen Vorgängen während des Rauchens. Ergänzend wurden aktuelle wissenschaftliche Veröffentlichungen zur Tabakfermentation und zum Wärme- und Stofftransport in Tabak berücksichtigt.
- Hu, W. et al. (2022): Study on the chemical compositions and microbial communities of cigar tobacco leaves fermented with exogenous additive. Scientific Reports. → Fermentation, chemische Veränderungen und mikrobielle Prozesse bei Zigarrentabak.
- (2023) Study on the correlation between the dominant microflora and the main flavor substances in the fermentation process of cigar tobacco leaves → Untersucht Zusammenhänge zwischen dominanten Mikroorganismen und chemischen Leitsubstanzen.
Fotos
- Vasilij Ratej
Hinweis zu den Fotos: Sämtliche Fotos wurden von mir aufgenommen und in Affinity Photo bearbeitet. Für den abschliessenden Filmlook erfolgte zusätzlich ein digitales Color Grading mit Unterstützung von KI. Motiv, Komposition und Bildinhalt blieben unverändert.

