Heweling Pipes und die Angst vor der perfekten Tabakpfeife

Interview mit Christian Heweling (Heweling Pipes, Instagram) von Paul Bosek (für FlashCigar, ZigarrenZone).

Manchmal kommen die Dinge ganz von alleine zu einem. So sitze ich im Innenhof der Kapelle St. Bernardus in Oberhausen und rauche meine Ben Wade mit köstlichem HU Dark Moor. Dazu trinke ich einen zehn Jahre alten Laphroaig in Fassstärke. Batch 10. Es ist das Distel-Revival-Treffen in Oberhausen. Circa 150 Menschen, die zusammen eine gute Zeit haben. An meinen Tisch kommt ein Bekannter von Facebook und fragt mich ob ich schon mal was von Heweling Pipes gehört hätte. Das sei ein Kumpel von ihm und der mache ziemlich feiste Pfeifen. 

Irgendwann, einige Tage später fiel mir dieser Gesprächsfetzen wieder ein. Heweling Pipes. Was war da? Eine kurze Recherche führte mich zum Ziel. Ein junger Pfeifenbauer aus Isselburg im Nordwesten von NRW. Schnell war mir klar, dass ich mehr wissen wollte. Und vor allem sollte die Pfeifenwelt mehr von dem Kollegen wissen. Denn diesen Namen habe ich zuvor nirgends in den üblichen Netzwerken gesehen. Lief völlig unterm Radar. Ein Interview muss her, dachte ich mir. Und wie immer, wenn etwas her muss, dann gilt machen.  Christian Heweling, bekannt unter dem Namen „Heweling Pipes“ , hat sich dann dazu bereit erklärt ein Interview zu machen.  Was dabei heraus gekommen ist? Schaut selbst:

Hi! Schön, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Bevor wir zu deinen „Werken“ kommen, erstmal das Essentielle. Ich habe auf deinem Insta gesehen, dass du nicht nur Pfeifen machst, sondern (Überraschung!) auch Pfeifenraucher bist. Wie bist du zur Pfeife gekommen? Gab es Papa, Opa, etc. die dich inspiriert haben?

Hi Paul, vielen Dank für die Einladung! Tatsächlich bin ich im Alter von 15, 16 Jahren im Schrank meines Vaters auf seine olle Billiard im fragwürdigen Pflegezustand gestoßen, in der er stets seinen Mac Baren Mixture rauchte. Schmachtraucher halt. Als ich meinte, alt genug zu sein, habe ich diese „entführt“, um im Wald gegenüber meinem Elternhaus den Wild Mango vom Kiosk zu entfachen. Pfui, und der duftete doch so lecker in der Packung! Da ich von „Crossover“ keine Ahnung hatte, war es mir ein Rätsel, wie er mir auf die Schliche kam. Heute kann ich es mir vorstellen. Damals habe ich natürlich (zumindest pfeifenbezogen) ALLES falsch gemacht, was nur geht! Ich bin überglücklich, es nicht bei dieser Erfahrung belassen zu haben …

Und was ist aktuell deine Lieblingspfeife/ – tabak?

Pfeife: Oh, da gibt es mehrere … ok wenn Serie, ganz klar: eine Brebbia Sun Billiard, die habe ich zum Vorzugspreis von Pfeifen Schilde in Essen (RIP!) vor 10 Jahren von meiner Liebsten geschenkt bekommen! In der rauche ich alles, ein treues Pferd! Voller Kitt, daher nicht nach Pflege schreiend, mit Macken und Geschichte. Einfach immer da. Beim Tabak gewinnt Samuel Gawith‘s Full Virginia Flake! Der ist breit, warm und gleichförmig wie die Sahara, mit einer Menge Raum für Fata Morgana! Ja. Der geht zwischen all den Launen, die ich als Pfeifenraucher so habe, immer.

Den Full Virginia Flake liebe ich auch. Ich ihn den tatsächlich zuletzt dem Marc Michaelsen (ein weiterer Autor bei FlashCigar / ZigarrenZone) empfohlen. Aber etwas anders. Du hast jetzt schon zweimal Billards erwähnt. Sind Billards dein Ding oder was macht für dich eine gute Pfeife aus?

Die muss 4 mm Zugbohrung tragen. Die muss eigentlich rustiziert sein. Der Zapfen muss aus Teflon sein, damit der bei Kälte trotzdem sitzt. Und die muss einen flachen Biss haben, der trotzdem zum Beißen einlädt. Ich lasse die auch mal wochenlang im Herbst auf dem Balkon liegen. Das darf sie nicht übelnehmen. Die Form ist mir fast egal!

Du lässt deine Pfeifen gerne mal wochenlang, bei Regen und Kälte, auf dem Balkon liegen? Ich glaube vielen Pfeifenrauchern stellen sich gerade die Nackenhaare auf. Es ist zumindest ungewöhnlich. Gibt es einen besonderen Grund dafür?

Nein, das ist einfach die Art und Weise, wie ich mein Rauchen gestalte. Natürlich habe ich mehr feine Stücke, die gezielt herausgepickt werden, die landen nach dem Genuss grob gereinigt wieder in der Vitrine. Aber durchaus liegen jetzt gerade ca. 7 Pfeifen draußen im Aschenbecher auf dem Kühlschrank. Das war nie anders, und es hat keiner einzigen geschadet. Der Weg zur Generalüberholung ist bei mir, wenn es tatsächlich mal drängt, auch nur 2 Treppen lang.

Ok, Gretchenfrage: miFi oder oFi? (mit Filter, ohne Filter, Anm.d.Red.)

Für mich nur MIT! Ich brauche das Zuggefühl. Da muss ordentlich was gehen vor dem Filter, und dann ist es dahinter ein Gewinn. Ich habe aus Neugier viele Tabake sowohl mit als auch ohne versucht, mir schmecken sie stets besser gefiltert. Zudem gibt das oft so ein „Plastikstrohhalm-Geräusch“, das klingt irgendwie seltsam gierig und passt somit nicht zusammen. Nur meine Sichtweise.

Kommen wir zu deinen Pfeifen.  Wie lange bist du schon dabei „Rauchmöbel“ zu machen? Was war deine Motivation damit anzufangen?

Seit 2012. Ich habe gerade die Fotodaten meiner ersten Gehversuche gewälzt. Huch, was ist da Furchtbares dabei, hahaha! Zum Pfeifenbauen bin ich gelangt, als ich 2011 aufgrund körperlicher Einschränkungen meinen Job als Maschinenbauer nicht mehr ausüben konnte. Büroarbeit ist das eine, aber ich war und bin nur glücklich, wenn ich was Greifbares erschaffen kann. Mal ehrlich, so geht es uns doch eigentlich allen! Das Objekt Pfeife ist kompakt, ihr Bau dabei anspruchsvoll, verlangt Ideen, Formgefühl und Präzision. Und das zieht mich ungemein an. Wird sich auch nicht mehr legen.

„Rauchmöbel“ ist ein cooler Begriff. Ich habe den auf deinem Etsy-Shop gelesen.  Insgesamt verwendest du eine sehr spezielle „Sprache“. Viele der Namen deiner Pfeifen sind besonders. Mir fallen da die „Rotraud von Oranienburg“ oder „Honigquell“. Woher kommt deine Inspiration?

Auf die Gefahr hin, dass das entzaubert, ganz unter uns: Ich war während des gesamten Baus der erwähnten Adligen der Meinung, ich verarbeite ein TOMATENROTES Mundstückmaterial (ich habe es umständlich und kostspielig aus den Staaten importiert, inklusive antanzen beim Zoll). Auf jedem der zahlreichen Fotos, die ich hinterher von meinen Pfeifen schieße, wirkte dieses aber maximal lachsorange! Schock! Da hinterfragte ich bei der Bearbeitung – völlig unmetaphysisch – die Sinneswahrnehmung des Individuums. Und wie das so ist, spukte mir unaufhörlich „Rot… Orange.. ROT!!… ORANGE!!!!“ durch den Kopf. Den Rest kann man sich herleiten. So kreativ ist das also gar nicht, hahaha!

Hast du es schon mal geschafft die in deinen Augen perfekte Pfeife zu bauen? Natürlich nicht! Davor habe ich ehrliche Angst!

Das überrascht mich jetzt. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass jeder Pfeifenbauer nach Perfektion strebt. Warum hast du Angst davor die perfekte Pfeife zu bauen? 

Sollte ich mal glauben: Jetzt wird jede, die danach kommt, nie mehr so gut werden wie die hier (so verstehe ich den Begriff), dann ist was nicht richtig gelaufen. Das ist eine gruselige Vorstellung! Ich freue mich immer, wenn dies oder jenes besonders gut rausgekommen ist, wenn das Holz auch noch freundlich ist, und meinen Level kann ich beruhigt vertreten. Aber PERFEKT?? Ich erinnere mich nicht. Das heißt aber keineswegs, dass ich nicht den Ehrgeiz hätte, das Beste zu bringen, was ich hinbekomme.

Findet man deine Pfeifen neben deiner HP „Pfeines.de“ und dem Etsy-Shop noch irgendwo? Bist du auf Messen und Co. anzutreffen?

Auch so ein Angstding. Menschenansammlungen vermeide ich, wo ich kann. Als Besucher einiger Messen habe ich die persönliche Erfahrung gemacht, dass so ein Event einfach nicht die Umgebung ist, wo ich in Ruhe betrachten, abwägen und kommunizieren kann. Ich hätte einen „Messekater“ vom Feinsten!

Wie schaut die Zukunft bei dir aus? Hast du besondere Projekte am Start?

Privat: ich möchte nach fast zwei Jahrzehnten (!) des Zusammenseins meine Partnerin heiraten, das wartet noch auf den richtigen Moment. Den, der nie kommt, wenn man ihn nicht einfach dazu macht. Ansonsten darf sich alles einfach entwickeln, wie es kommt. Man kann ja doch nichts herbeikrampfen.

Du bist ja mit deinen medialen Auftritten auf Insta (@hewelingpipes) unterwegs, aber auf Facebook nicht. Hat das einen bestimmten Grund?

Facebook nutze ich auch privat nicht. Vor ein paar Jahren hatte ich kurz gedacht, ich müsste da mitmischen. Meine Beiträge kamen mir kurz nach Veröffentlichung schon so beliebig vor, dass ich mich mental selbst angreifbar machte. Dann fehlt nur noch ein kleiner, missverständlicher Kommentar, um so etwas für immer kaputtzumachen. In meinem privaten Umfeld höre ich so oft, wie da um Kleinigkeiten ein Gezeter und Geschrei gemacht wird. Die kleine Pfeifenwelt in meiner Vorstellung will ich mit Menschen gefüllt sehen, die weise und vergnügt über solch billigem Zank stehen. Da erwehre ich mich lieber auf Instagram den Avancen bildschöner, stinkreicher russischer Oligarchentöchter als echten Hasskommentaren aufgrund eines unterstellten Größenwahns. Das muss klar sein: Das Thema „Pfeife“ ist eine absolute Nische, und in dieser bin ich ein ganz Kleiner. Das zu wissen und OK zu finden, hat was.

Am Ende kann ich es verstehen. Die Pfeifenszene auf Facebook hat regelmäßig die Tendenz dazu ziemlich harsch zu sein und sich untereinander anzufeinden. Gerade zuletzt gab es wieder einige Fälle. Deshalb zum Schluss etwas Liebe! Gibt es eine bewegende/ lustige/ kuriose Geschichte, die du der Pfeifenwelt mitteilen möchtest?

Ja klar! Gleichzeitig eine Mahnung an mich selbst und eventuell lehrreich für Leute, die selbst bauen wollen: Ein semiprofessionell fotografierender Arbeitskollege bat mich vor ein paar Jahren um ein Shooting zum Thema. Ich hatte gerade eine Fullbent mit tollem Grain fertig, die mit auf das Portrait sollte. Sie war abgestellt als Nutzvieh, ich hatte damit zu rauchen! Beim Dauerfeuer des Auslösers kam die Aufforderung „QUALM! MEHR!! QUALLLMMMM!!“, ich dachte schon: Welcher ernsthafte Pfeifengenießer nimmt einem das Bild ab? … Also zog und zog ich, bis die PERFEKTE Schmauchwolke da war, und in diesem Moment versagte vor lauter Hitze und Feuchtigkeit schlagartig die Klebeverbindung der Horn-Applikation am Holm. Der blöde, verdutzte Gesichtsausdruck mit pfeifenlosem Mundstück ist ausreichend dokumentiert;) Wenn vielen meiner Kollegen also die Leidenschaft in die Wiege gelegt ist, so kann ich behaupten, dass sie mir zumindest einmal wortwörtlich „in den Schoss gefallen! Ist, hehe! Merke: Klebe Applikationen stets mit Zapfenverbindung, nie nur stirnseitig!

Ich bin Paul, Jahrgang 1987. Meine Karriere als Genussmensch fing vermutlich an dem Punkt an, als ich eine Flasche Glenfiddich 12 zu meinem 18 Geburtstag bekam. Später durchlebte ich verschiedene Phasen: Der Existenzialist bei Gitanes und billigem Rotwein; der Rocker bei Gedrehten und Bier; der Lebemann bei Zigarren… bis ich endlich bei der Pfeife ankam. Die Pfeife hat einen besonderen Reiz. Die Pfeife passiert einem nicht. Es ist eine bewusste Wahl, die mit vielen Umständen zusammenhängt. Man konsumiert nicht einfach, man lebt die Pfeife. Etwas, was man so lange im Mund hält, wird am Ende zu Teil von einem selbst. Und da ist sehr gerne über Dinge schreibe, fing ich irgendwann an über die Pfeife (und Whisky) zu schreiben. Das bin also ich.

Jetzt kostenlos Mitglied werden und monatlich FlashCigar geniessen.

Antworten

Dein Kommentar ist willkommen :)

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.