Bentley Tabak Review

Ich bin Paul, Jahrgang 1987. Meine Karriere als Genussmensch fing vermutlich an dem Punkt an, als ich eine Flasche Glenfiddich 12 zu meinem 18 Geburtstag bekam. Später durchlebte ich verschiedene Phasen: Der Existenzialist bei Gitanes und billigem Rotwein; der Rocker bei Gedrehten und Bier; der Lebemann bei Zigarren… bis ich endlich bei der Pfeife ankam. Die Pfeife hat einen besonderen Reiz. Die Pfeife passiert einem nicht. Es ist eine bewusste Wahl, die mit vielen Umständen zusammenhängt. Man konsumiert nicht einfach, man lebt die Pfeife. Etwas, was man so lange im Mund hält, wird am Ende zu Teil von einem selbst. Und da ist sehr gerne über Dinge schreibe, fing ich irgendwann an über die Pfeife (und Whisky) zu schreiben. Das bin also ich.

Bentley.

Wer den Namen hört, der denkt in der Regel an britische Nobelkarossen. Dass 1986 in der Schweiz eine Pfeifenproduktion mit genau diesem Namen eröffnet wurde, das kann Zufall sein – oder auch nicht. Es ändert nichts an dem Fakt, dass seit 1986 in der Schweiz Pfeifen unter den Namen Bentley produziert wurden. Mit dem Zusatz: Former’s Design.

Former.

Dieser ist in der Pfeifenszene hinlänglich bekannt. Es handelt sich um den legendären dänischen Pfeifenbauer Hans Jonny Nielsen. Nielsen hat die Pfeife in seiner DNA. Mit 15 fing er bei Poul Rassmussen in Copenhagen an, wo er zunächst Pfeifen reparierte. Schon in dem jungen Alter lernte er alles über die Anatomie einer Pfeife. Später ab 1962 – im zarten Alter von 21 Jahren – heuerte Nielsen bei W.Ø. Larsen an (wo er zuvor schon Erfahrungen sammeln konnte). Er arbeitete lange für Larsen, bis Nielsen 1986 ein Angebot aus der Schweiz bekam, die Bru-Bu-Pfeifenfabrik zu modernisieren. Die Bentley Pfeifen waren geboren. Dies funktionierte bis 1997. Die Produktion wurde dann nach Lauenburg verlegt, zu Dan Tobacco. In Kooperation mit Dan Tobacco wurde dann der Bentley Pfeifentabak lanciert. Heute ist das Portfolio der Marke Bentley sehr breit. Von Pfeifen im Hochpreissegment, Tabak, Zigarren bis Rum und Gin.

Ein Detail wird dem Pfeifenraucher schon aufgefallen sein. In der Geschichte des Pfeifentabaks werden mehrere unterschiedliche Stile unterschieden. Zwei der grundlegendsten Stile sind dabei der englische Stil und der dänische Stil. Als Tabake englischen Stils sind heute eigentlich alle Tabake mit Latakia verstanden. Das stimmt jedoch historisch gesehen nicht. Der englische Stil basiert auf würzigen Virginiatabaken, die durch Würztabake (Orient, Perique, Latakia, Kentucky) ergänzt werden. Der dänische Stil basiert auf Virginia & Burley- & Black Cavendish (stark fermentierter, schwrzer Tabak) Tabaken, wohingegen auf Würztabake verzichtet wird. Zusätzlich sind dänische Tabake häufig mit Vanille oder Fruchtessenzen aromatisiert. „Bentley“ vereint nun beide Richtungen. Die Assoziation der britischen Oberklassewagen steht neben der Geschichte dänischer Pfeifenbauer. So wundert es nicht, dass bei Bentley beide Richtungen bedient werden. Heute widmen wir uns den Tabaken englischen Stils. Genauer gesagt folgenden Tabaken: The Classic One, The London Carmine & The Oriental Spice.

1. The Classic One

Hierbei handelt es sich um einen ready rubbed Flake aus Virginia und Orient. Also handelt es sich um einen Tabak, der gepresst wurde und dann in Scheiben (Flakes) geschnitten wurde. Diese Flakes werden dann aufgelockert, bis ein eher homogenes, grobes Tabakbild entsteht. Das gibt dem Tabak zusätzliche Reife. Meine Erwartungshaltung gegenüber dem Tabak war also, dass ich einen reifen, eher dunkleren Tabak habe, der vom Virginia eine ordentliche Süße mitbringt und vom Orient eine ätherische Note.

Der Tabak kommt in einer sehr stylischen Box, in der sich ein Pouch befindet. Ich öffne den Pouch und rieche am Tabak. Dunkle, eingekochte Früchte. Dazu eine schöne, ja leicht muffige Würze, die ich dem Orient zuschreibe. Auf jeden Fall etwas mehr, als der typische Virginiaflake. Ich nehme mir etwas Tabak aus dem Pouch und lockere ihn auf. So wie die Flakestückchen sind fülle ich den Kopf ca. 3⁄4 voll. Für das letzte Viertel reibe ich den Tabak noch deutlich feiner und stopfe das oben drauf. Das soll das Anzünden erleichtern und sorgt somit für einen besseren Abbrand.

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Dann wird gezündet. Dafür benötige ich in der Regel 1-2 Streichhölzer. Der Tabak bäumt sich auf. Das ist typisch bei Flake und dessen Varianten. Ich glätte den Tabak und korrigiere die Glut ein letztes Mal. Danach kommt man in ruhigere Fahrwasser. Und das ist auch notwendig. Der Tabak sollte wirklich mit aller bedacht geraucht werden, sonst wird er bissig. Oder im Zweifel tut auch ein Filter gute Dienste. Sofort schmecke ich eine ausgprägte Süße und erste Anflüge einer nicht genauer bestimmbaren Fruchtigkeit. Der Qualm weißt eine schwere Textur auf. Erst wenn ich den Qualm ausatmne merke ich einen dezenten Orienteinschlag. Im Mundraum merke ich eine leichte Säure mit tabakechten Aromen.

Erst im Rauchverlauf kristallieren sich bestimmte Aromen heraus. Die Frucht ist nicht so dunkel, wie bei den üblichen Virginias. Deutlich heller. Aprikose. Dahinter eine sublime Ketchup-Note. Abgerundertvon frischen Nüssen, Haselnuss, Mandel, Cashew. Die Rauchentwicklung ist solide, wobei der Rauch deutlich spritziger wird. Die Aromen sind sehr konstant, wobei im Mundraum Noten von Apfel und Cassis bleiben. Zum Ende des Kopfs dreht der Tabak nochmal auf. Zu der Frucht gesellt sich eine ausgeprägte Karamellnote. Die Süße weicht einer würzigen Trockenheit. Und aus dem Nichts kommt eine hell-blumige Floralität. Der Nikotinlevel ist angenehm, nicht zu stark. Der Nachgeschmack ist mild, die Raumnote ist tolerierbar.

Unter einem “Englischen Tabak” wird heute ja meist Tabak mit Latakia verstanden. Was nicht stimmt. Historisch gesehen sind Englische Tabake eine Basis aus Virginia mit einem Würztabak. Auch reine Virginias kann man als Engländer verstehen. Hätte mir jemand den Bentley “The Classic One” blind vor die Nase gesetzt, dann hätte ich wohl gesagt, dass es ein reiner Virginia ist. Bentley gibt ja den Anspruch raus Spitzenqualität zu liefern. Naja, der Tabak ist gut, aber mein Benchmark-Virginia bleibt der Full Virginia Flake von Samuel Gawith. Meines Erachtens nach ein eher ruhiger, balancierter Virginia. Der Orient spielt nur eine untergeordnete Rolle.

2. The London Carmine

Dieser Tabak kommt im Ribbon Cut, also Grobschnitt. Darf man nicht überinterpretieren. Grob ist im Vergleich zum Feinschnitt gemeint, den vielleicht einer vom Shag kennt. Der Ribbon Cut ist die feinste Schnittart unter den Pfeifentabaken (außer natürlich man raucht Feinschnitt, aber dafür gibt es gesonderte Pfeifen). Der London Carmine besteht aus Virginia, Orient, Latakia und Kentucky. Latakia ist ein geräucherter Tabak aus dem Mittelmeerraum, der eine torfige, weihrauchige Note hat. Kentucky ist ebenfalls ein über Feuer verarbeiteter Tabak, dessen Aroma nussig bis speckig ist. Alleine wegen des Namens werden bei mir Assoziationen zu den klassischen Dunhill-Tabaken geweckt. Und das prägt natürlich meine Erwartungshaltung. Ich erwarte einen cremigen, geschmeidigen Tabak mit starkem Aroma.

Der Kaltgeruch ist stark. Autoreifen, vielleicht brennend. Rauch. Der Tabak kommt in recht feinen Ribbons mit hellbraunen Her vorhebungen, sonst eher homogen dunkel. Ein Streichholz genügt, schon glimmt der Tabak. Den Auftakt macht Weihrauch. Dann ein Traum aus 1001 Nacht. Orientalisches Cumin. Der Rauch ist von Beginn an extrem cremig und samtig. Hinter dem ersten Schwall wird der Tabak herber. Der Nachgeschmack ist tabakecht und authentisch. Im Rauchverlauf kristallisiert sich ein cremiger, buttriger Schmelz heraus. Untermalt von einer unterschwelligen Süße. Aromen von Holz ergänzen das Gesamtbild. Dabei liefert der Tabak ein hohes Rauchvolumen. Retronasal sind Noten von Erde, Zeder und Lagerfeuer. Auch Röstaromen sind präsent. Hinterlässt eine leichte Schärfe auf der Zunge.

Zum Ende hin legt dabei Tabak nochmal deutlich an kraft zu. Besonders die Noten von Lagerfeuer treten in den Vordergrund und itensivieren sich. Eine angenehme, feine Säure trägt den Tabak ins letzte Drittel. Der Rauch bleibt konstant Samtig. Ich nehme dunkle Schokolade und Eiche mit Moos wahr. Mittlerweile ist die Rauchnote deutlich harziger und hat was von kalter Zigarre und Salbei. Was bleibt? Ein guter Tabak. Brennt extrem ruhig und konstant ab. Erinnert mich an den Early Morning Pipe von Dunhill/ Peterson. Nur ohne den typischen gerösteten Virginia und mit weniger Süße. Der London Carmine ist intensiv und besticht durch seine extrem angenehme Textur. Macht extrem viel Spaß, dieses Kraut.

3. The Oriental Spice

Der Tabak hat ein deutlich gröberes Tabakbild als der London Carmine, aber die Informationen sind nicht ganz eindeutig. Manchmal wird er als Broken Flake beschrieben. Beim Hersteller Dan Tobacco wird lediglich darauf hingeweisen, dass der Tabak in der Presse war. Aber dabei bleibt es nicht. Auch die Zusammensetzung des Tabaks ist nicht eindeutig. So wird bei Dan Tobacco darauf hingewiesen, dass neben Virginia auch Orient und Latakia im Tabak sei. Auf anderen Seiten wird auf eine Prise Perique hingewiesen. Auf der Seite tobaccoreviews wird sogar ein Orangen-Flavouring genannt. Puh, ziemlich durcheinander. Ich wusste gar nicht, was mich erwarten soll.

Dieser Tabak kam auch als einziger in der üblichen Runddose. Schnell geöffnet und die Nase reingehalten. Ich hätte blind auf einen Virginia-Perique getippt. Der Perique ist meiner Meinung nach sehr präsent, leicht säuerlich. Aber merke ich von Latakia nicht viel. Ebenso meine ich​ keine​ Aromatisierung zu vernehmen. Also zumindest keine, die sich stark von den natürlichen Tabakaromen absetzen würde. Der Oriental Spice eröffnet grandios. Ein intensives Aroma, das mich an den Emipre Perique denken lässt. Leicht säuerlich, pfeffrig-fruchtig. Das hat was von Beethovens Eroica, welche ja mit ​zwei wuchtigen Es-Dur-Akkorden eröffnet.

Die Textur ist angenehm, aber bei weitem nicht so samtig, wie wir es vom London Carmine kennen. Nichtsdestoweniger kommt der Tabak voll und rund rüber. Holzig-herbe Aromen werden von einer sehr sublimen Süße untermalt. Nach einigen Zügen wird der Tabak süßer. Die anfängliche Fruchtigkeit tritt für eine säuerliche Würze zurück. Mittlerweile ist der Rauch ruhiger und geschmeidig sanft. Ätherische, herb-würzige Holznoten spielen hier die Hauptrolle. Die Rauchentwicklung ist gut.

Zum Schluss zeigt der Tabak nochmal ein neues Geschicht. Ich fühle mich in einem herblichen Wald voll Laub. Die Textur ist weiter sanft, was sich den ganzen Smoke über hält. Das Nikotinlevel ist eher gering. Die holzig-herben Aromen werden stärker und Variationen von Gewürzen gesellen sich dazu. Wenn der Tabak verglimmt ist, bleibt man gesättigt und zufrieden zurück. Wenn man danach reflektiert, dann muss man zwei Dinge feststellen. Zum einen ist die Aromatisierung nicht wahrzunehmen. Zum anderen gilt das ebenso für den Latakia. Wobei man schon erahnen kann, wo der Latakia hier vielleicht die ein oder andere Nuance hinzugibt. Aber eher in homöopathischen Dosen. Ich empfinde den Perique als deutlich vordergründiger. Die Basis des Tabak bildet eine ausgewogenene Balance zwischen nicht zu spritzigem Virginia und säuerlich-würzigem Orient. Gesachmacklich überzeugt der Oriental Spice mich total. Auch die Handhabung ist sehr angenehm. Der kommt öfter in die Tabakbar.

Fazit

Die drei Bentley-Tabake haben mich alle überzeugt. Der Virginia ist solide. Der London Carmine schon eher wirklich gut, gerade was die Textur angeht. Der Oriental Spice hat mir am besten gefallen. Dieser überzeugt durch einen raffinierten Geschmack und eine tolle Aromenkomposition. Auch die Qualität stimmt. Von mir drei Daumen hoch.

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