Unboxing La Flor de Henry Clay Pre-Embargo: Vertrocknet

Das Alter der Rarität und der lange Weg von Cuba über West-Berlin, DDR und in die Schweiz

Etwas ganz Besonderes für dich: Am Schluss dieses Beitrags kannst du dir ein historisches Buch als eBook anschauen: Die Wahrheit über Havana-Zigarren von Gustavo Bock aus dem Jahr 1904.

Das Kistchen mit 25 „Conchas de Regalia“ stammt aus den 1950er Jahren. Gefertigt wurden sie in der berühmten Manufakur „La Corona“ in Havana – Cuba. Herzlichen Dank für diese Informationen an Thomas Portmann und an Wilhelm Berg. Ich habe eine Zigarre aufgerollt: Der Tabak war durch und durch komplett trocken. Weiter unten gibt’s auch Notizen zur Verkostung.

Das Unboxing mit einer kleinen Überraschung. Schau dir bitte das kurze Video an:

Gefunden: Im Schrank ohne Befeuchter

Arne fand Mitte August 2018 im Schrank seines verstorbenen Vaters Zigarren. Unter anderem dieses Kistchen der „La Flor de Henry Clay, Conchas de Regalia“. Er googelte um mehr darüber zu erfahren. So stiess er auf Zigarren.Zone. Er fragte mich, ob ich etwas darüber wüsste. Ich konnte ihm ein paar Informationen geben. Zum Beispiel, dass bei Auktionen diese Zigarrenlinie bis zu 1’200 Pfund Sterling erzielen kann (ca. EUR 1’340, Stand per 31.08.2018). Und: Dass die Zigarren zwischen 1931 und vor September 1960 hergestellt wurden. Enger konnte ich es nicht eingrenzen.

Die Freude bei Arne war gross. Aber als ich ihm erläuterte, dass die Zigarren zu 100% vertrocknet seien, und der Wert EUR 0 beträgt, war die Freude natürlich weg. Warum war ich mir sicher, dass die Zigarren trocken sind? Aufgrund der Jahrzehnte langen Lagerung ohne Befeuchter.

Der Wert trockener Zigarren: 0.-

Rein aus „historischen“ Gründen bot ich ihm EUR 100.-, die er dankend ablehnte. Nach einigen Tagen jedoch einigten wir uns auf einen Preis und vereinbarten Stillschweigen.

Der lange Weg aus Cuba nach West-Berlin, in die DDR und schlussendlich in die Schweiz

Arnes Vater hatte einen Onkel. Der Onkel ist nach dem 2. Weltkrieg nach West-Berlin gezogen. Das war etwa 1948. Die Berliner Mauer wurde im Jahr 1961 gebaut (der Baubeginn war der 13.08.1961). So wurde die Familie, wie andere Familien auch, voneinander getrennt. Man konnte sich entweder gar nicht mehr, oder unter erschwerten Bedingungen besuchen.

2018: Das sehr vorsichtige Entfernen der Vistas.

Jener Onkel also bekam das Kistchen irgendwann geschenkt. Wann das war, und von wem, ist unbekannt. Es war sicher vor 1961, also vor dem Mauerbau. Wie das Kistchen gelagert wurde, ist unbekannt. Sicher jedoch ist, dass der Onkel irgendwann nach dem Jahr 1961 nach Lutherstadt Wittenberg (DDR) ging um seine Familie zu besuchen. Dieses Kistchen nahm er als Geschenk mit. Das Jahr des Besuches ist unbekannt. Danach wurde das Kistchen in einem Schrank im Herrenzimmer eingelagert (ohne Befeuchter). Das Kistchen wurde nie geöffnet. Am 30.08.18 kam sie in die Schweiz zu Zigarren.Zone.

Mit Briefmarken-Entferner habe ich die Vistas benetzt und einwirken lassen.

Beim Entfernen ist zu beachten: Es ist genau gleich wie Sex von Stachelschweinen: Man muss das ganz, ganz, ganz vorsichtig tun…

Die Recherche begann und brachte Erstaunliches zum Vorschein

Thomas Portmann fand unter seinen Freunden aus der kubanischen Zigarrenwirtschaft auf Cuba heraus, dass die Marke in der Manufaktur La Corona hergestellt wurde. Das genaue Datum konnte nicht geklärt werden.

Wilhelm Berg fand heraus, dass die Zigarren aus den 1950er stammen. Das Erstaunliche ist, dass auf dem grünen Garantie-Siegel offenbar die Druckerei „Fernandez S.A.“ genannt ist. Herr Berg durchforstet derzeit sein Archiv und versucht herauszufinden, wann diese Druckerei die Garantiesiegel druckte. Vielleicht kann er das Produktionsdatum der Zigarren noch enger finden. Ich werde einen Nachtrag bringen, sofern er es schafft.

Die Warnung vor Fälschungen

Auf dem Papier im Innern des Kistchens ist zu lesen: (siehe Foto unten)

Hinweis
Als skrupellose Verkäufer versuchten, unsere Marke LA FLOR de HENRY CLAY, die von JULIAN ALVAREZ geschaffen wurde, durch eine andere Marke zu ersetzen, in der der Name eines anderen Señor J. Alvarez auf sehr auffällige Weise vorgestellt und das allgemeine Erscheinungsbild unserer Schachteln sehr stark nachgeahmt wurde haben wir beschlossen, dass das vorliegende Klappenschild ab diesem Datum die Unterschrift unseres Havanna-Geschäftsführers, Herrn GUSTAVO BOCK, tragen soll, und wir bitten hiermit alle Verbraucher unserer Marke zu warnen, dass alle Schachteln ohne diese Unterschrift als unecht anzusehen sind.“

Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator

Die Verkostung: …ohje… Aber das wusste ich

Der Kaltduft ist interessant: säuerlich-süsslich, ich war überrascht und etwas Hoffnung keimte in mir. Der Kaltzug (nach dem Anschneiden) war etwas eklig: Es schmeckte dezent nach Plastik. Das kommt vom Cellophan. Wenn Zigarren austrocknen, sondern sie die ganzen „Öle“ ab, die sich auf dem Cellophan niederlassen. Während der Jahrzehnte langen Austrocknung der Zigarren findet eine Art „chemische“ Reaktion statt. Deshalb schmeckte die Zigarre im Kaltzug etwas nach Plastik. Ich konnte das deutlich schmecken. Werden die Zigarren jedoch fachgerecht gelagert, können sie auch noch nach Jahrzehnten sehr gut schmecken. Dabei kommt es auf die Marke und das Format an.

Ich hielt die Zigarre kurz unter fliessendes Wasser (2 Sekunden). Das Wasser perlte ab und ich trocknete die Zigarre mit einem Stück Haushaltspapier. Etwa 5 Minuten danach schnitt ich sie an: Die Klinge schoss durch die Zigarre und ich merkte erneut: Sie ist vertrocknet. Die ersten Minuten nach dem Anzünden: Bitter, bitter, bitter und eine unangenehme Schärfe machte sich im  Mund breit. Vertrocknet – eindeutig. Ich war tapfer und rauchte sie weiter. Retronasal war sie nichtssagend – kein Duft – ausser warme Luft, die etwas „scharf“ war. Auf der Zunge gab es keine Partylaune. Bitter, bitter, bitter. Nur diesen Geschmack konnte ich feststellen – ausser noch etwas Schärfe.

Der Abbrand war etwas wellig. Teils gab es Schiefbrand. Er korrigierte sich teilweise von selbst und teilweise musste die Flamme helfen. Es gab viel Rauch. Die Asche war fast schwarz. Sie fiel etwa alle 0.5 cm ab. Ich habe eine Zigarre vorsichtig aufgerollt. Der Tabak war durch und durch komplett trocken. Und: Die Zigarren sind Longfiller – also aus ganzen Tabakblättern gerollt und nicht aus kleinen Stückchen. Ich wusste bis dahin nicht, ob es sich um Longfiller oder Shortfiller handelt, und ob sie maschinengefertigt waren. Diese Linie ist eindeutig komplett von Hand hergestellt worden.

Ich habe Zigarren der Marke „Henry Clay“ Pre-Embargo schon früher verkostet. Werden die Zigarren fachgerecht gelagert, können sie – je nach Marke und Format – auch noch nach Jahrzehnten exzellent schmecken. Diese hier vorliegenden Zigarren sind jedoch tot. Zigarren kann man nicht wiederbeleben.

Foto unten: Dieser Text kommt zum Vorschein, wenn man die erste Lage der Zigarren entfernt.

Foto unten: Diese Bezeichnung kommt zum Vorschein, wenn man die erste Lage der Zigarren entfernt.

Das vorsichtige Entfernen der Vistas

Wunderschöne Lithografien, diese beiden Vistas. Entfernt habe ich sie mit Briefmarken-Entferner. Ich habe das Papier grosszügig damit eingerieben. Danach wartete ich etwa 10 Minuten und rieb sie erneut ein. Das sehr vorsichtige Entfernen gelang mir mit einem kleinen Bastelmesser und einem ganz kleinen „Spachtel“.

Ich musste darauf achten, dass ich das nasse Papier nicht zerriss. Mit sehr viel Vorsicht und Geduld konnte ich beide Vistas gut entfernen. Danach trockneten sie eingeklemmt in Löschpapier. Ich werde beide Vistas weiter präparieren und sie einrahmen.

Diese Arbeit ist genau so wie die Antwort auf die Frage: „Wie paaren sich Stachelschweine?“ Die Antwort: „Sehr, sehr vorsichtig.“ 😉

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Vasilij Ratej

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Vasilij Ratej

6 Gedanken zu „Unboxing La Flor de Henry Clay Pre-Embargo: Vertrocknet

  • 16. September 2018 um 8:33
    Permalink

    Eine sehr schöne Geschichte! Solch alte Kisten sind einfach faszinierend! Und die Lithographien bieten eine wunderbare Dekoration!👏☺

    Antwort
  • 1. September 2018 um 10:03
    Permalink

    Lieber Vasilij,
    das ist eine wunderbare Story! Ich bin berührt, wie liebevoll Du diese Geschichten kreierst und erlebst und uns somit miterleben. Ich wllte dir ein kleines Experiment vorschlagen. Du schickst mir eine der Zigarren per Post. Ich versuche eine dezente Wiederbelebung (Achtung: zarte La Galana Hände können Wunder bewirken). Und wir machen bei deinem Besuch in Köln eine Blindverkostung von „toter“ und „auferstandener“ Zigarre… Was meinst du?
    Liebe Grüsse aus Köln
    Annette Meisl
    http://www.lagalana.de

    Antwort
    • Vasilij Ratej
      1. September 2018 um 14:21
      Permalink

      Liebe Annette, sensationeller Vorschlag. Das mache ich. Danke für deinen schönen Kommentar 🙂 LG, Vasilij

      Antwort
  • 1. September 2018 um 0:00
    Permalink

    Toll das sie sich dem Kistchen angenommen haben und mit Bedacht auf Erhaltung diverser Details sich hingeben haben lassen.
    Sie haben ein Stück Geschichte wieder aufleben lassen.
    Ein sehr netter informativer und interessanter Bericht bzw. Dokumentation des Vorgangs.

    Vielen Dank dafür

    Antwort
    • Vasilij Ratej
      1. September 2018 um 8:20
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      Sehr gerne und Danke für Ihren Kommentar. Weiterhin viel Freude mit Zigarren.Zone, LG, Vasilij

      Antwort

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