Philipp Schuster, von Schuster Cigars Bünde, sagt erfrischende, direkte Worte im Zigarren.Zone Interview: „Die Politik will die Tabakwirtschaft beseitigen.“

Philipp Schuster, herzlich willkommen im Zigarren.Zone Interview

Die Politik will die Tabakwirtschaft beseitigen
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Was bedeutet es für Sie, ein Tabakunternehmer zu sein?

Es ist heute eine besondere Herausforderung, sich unverdrossen mit Tabak zu beschäftigen. Früher war es ein sehr ehrbarer Beruf, Cigarrenfabrikant zu sein. Heute denkt der politische Mainstream nur noch darüber nach, wie die Tabakwirtschaft elegant beseitigt werden kann. Mit pädagogischem Eifer wird das Rechtssystem aus den Angeln gehoben, es ist weniger ein regulierendes Abbild gesellschaftlicher Phänomene, sondern ein Herbeiregulieren paradiesischer Vorstellungen – Utopia. Umso mehr sind wir gefordert mit Beharrlichkeit und Ehrlichkeit ein authentisches Produkt zu verteidigen und, gut gemacht, schmeckt die Cigarre einfach. (Anm. der Redaktion: Zigarren.Zone Interview mit seiner Tochter Annemarie Schuster).

 

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Schuster Cigars ist die älteste deutsche Zigarrenmanufaktur. Sie hat massgeblich den Zigarrenmarkt in Deutschland mitgestaltet. Was bedeutet das für Sie, wenn Sie auf Ihre Firmengeschichte zurück blicken? 

Nun, die älteste sind wir nicht, wir haben aber schon ganz schön lange durchgehalten. Die Ursprünge im Thema Cigarre reichen immerhin bis 1897 zurück, dem Genuß verpflichtet sind wir noch länger, denn der Urgroßvater war Bäcker. Es gab Höhen und Tiefen in der Firmengeschichte, das ist aber oft so und häufig durch äußere Umstände beeinflußt. Von über 2.000 Cigarrenfabriken, die es in Deutschland gab, sind wir aber noch da und wahrnehmbar.

Eine solch lange Tradition ist immer Fluch und Segen zugleich, wobei die Vorteile deutlich überwiegen. Erfahrungen im Markt und im Tabak geben sich über Generationen weiter, Kenntnisse werden mit außerordentlicher Tiefe geschult und erworben und das Gespür für ein vornehmes Produkt wird quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Man muß aber auch den vorgegebenen Rahmen akzeptieren und ausfüllen wollen. Wenn dann die persönlichen Ideen und die erforderliche Identifikation im Einklang stehen, ist alles gut.

 

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Bleiben wir noch etwas bei der Geschichte. Wenn Sie zurückblicken, welches Ereignis war für Sie ein wichtiger Meilenstein?

Da kann ich eigentlich kein besonderes Ereignis nennen, der energische Einsatz für das Unternehmen und die Familie ist eigentlich die ganzen Jahrzehnte gleichmäßig erforderlich gewesen. Von allein ist in unserer Branche nie etwas gegangen. Sie waren immer gefordert, innovativ und qualitätsorientiert zu arbeiten. Wichtig war darüber hinaus das gedeihliche Zusammenwirken in der Familie, ohne dieses wäre die Entwicklung nicht so positiv verlaufen, der Zusammenhalt gibt stets Kraft für neue Ziele. Die persönliche Prägung war für mich ein fortwährender Prozeß, angefangen im Kindesalter, man glaubt ja kaum, was eine alte Cigarrenfabrik für ein wunderbarer Abenteuerspielplatz war. Später machte man sich nützlich und hatte immer mit vielen freundlichen Menschen zu tun. Schule, Studium, alles war mit dem Schicksal des Unternehmens verknüpft bis zu dem Tag an dem es hieß, die Nachfolge mit anzutreten, 1983 mit dem Tode meines Vaters.

 

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Worauf sind Sie besonders stolz?

Wir sind da und bieten gute Produkte in einer großen Bandbreite. Viele auch wesentlich größere Firmen haben in den vielen Jahren aufgegeben. Wir stellen selbst Cigarren her mit einer außergewöhnlichen Produktionstiefe und wir importieren erstklassige Produkt aus verschiedenen Ländern. Wir verstehen etwas von Tabak und das Know How im geduldigen Umgang damit ist etwas, was uns auch international einen guten Ruf eingebracht hat.  Wir sind fair und respektvoll.

 

Was macht Ihnen besonders Freude?

Wenn ich Leute treffe, die unsere Cigarren auch gern mögen.

 

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In Ihrem Hause in Deutschland, in Bünde, wird alles hergestellt: Von der Zigarre bis zur Zigarrenkiste. Weshalb stellen Sie das alles in Deutschland her?

In unserer Fabrikation finden wir alles, was von der Tabakaufbereitung bis hin zur Cigarrenkiste erforderlich ist, ein schönes Produkt später im Schaufenster zu präsentieren. Diese Produktionstiefe macht uns unabhängig und flexibel und manches Mal sehr schnell. Es gilt natürlich auch, die Produktionskenntnisse im Hause zu pflegen, wenn ich z. B. in Übersee ein Produkt, auf einer meine vielen Reisen dorthin, entwickele, kann ich bis zur gewünschten Verpackung alle Schritte sehr detailliert vorbesprechen, erklären und festlegen. Das erleichtert vieles und fördert die Verlässlichkeit bei unseren Partnern, der eine oder andere hat dabei auch schon einiges von uns gelernt, da wir großen Wert auf Kontinuität legen.

 

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Wie lange wird der Rohtabak bei Ihnen gelagert, bevor er zu Zigarren verarbeitet wird?

Für eine seriöse Cigarrenproduktion brauchen Sie immer ein gutes Lager von Rohtabak. Ernteschwankungen ergeben sich von Jahr zu Jahr, die sich dann sowohl in der Qualität des Materials als oft auch im Preis widerspiegeln. Dieses muß man ausgleichen können, indem man Tabak für mehrere Jahre vorhält. Außerdem wird Tabak bei einer guten Lagerung im Geschmack besser, wobei wir von etwa 4 Jahren Lagerzeit ausgehen, um ein Optimum zu erreichen, dieses erhält sich der Tabak dann sehr lange, wenn er in Ballen sehr dicht zusammen gepresst verbleibt. Man kann mit langer Lagerung auch wunderbar gezielt arbeiten, so sind unsere ältesten Tabake noch aus dem letzten Jahrtausend. Unserer Aniversario No 1 verleiht ein Brasildecker von 1995/96 einen besonderen Schmelz. Aktuell verarbeiten wir Deckblätter aus den Erntejahren 2005 – 2009.

 

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Sie stellen Short- und Longfiller her und sind somit in beiden Marktsegmenten gut positioniert. Welche Art von Kunden kaufen eher Short- oder Longfiller?

Da müssen wir deutlich weiter differenzieren. Es gibt von billiger Machart bis hin zu teuersten Produkten etwa 4 Segmente: Eco – Cigarillos, die quasi billiger Zigarettenersatz sind; preiswerte Konsumcigarillos die mit Bandtabak oder Tabakfolie im Bereich Umblatt hochmeachnisiert herzustellen sind – oft aromatisiert, 100 % Tabak Produkte, die schon wesentlich anspruchvoller sind, und schließlich handgerollte sog. Longfiller Cigarren. Schauen Sie sich einfach einmal an, wie diese jeweils hergestellt werden oder schneiden Sie einmal verschiedene Cigarren auf und versuchen zu beurteilen, was Sie darin vorfinden. Sehr schnell werden sich Ihre Qualitätsbegriffe relativieren. Wir stellen im Bereich der Short/MediumFiller auch nur Premiumprodukte mit 100 % Tabak her. Und es gibt viele, die gern öfter zur Longfiller greifen, jedoch zwischendurch gern Cigarillos aus 100 % Tabak genießen.

 

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Was hat sich beim Kunden im Verhalten geändert, wenn Sie 10, 20, 30 Jahre zurückblicken?

Aromatisierte Cigarren waren früher undenkbar und für den Cigarrengenießer kein Thema. Doch viele sind heute überwiegend mit Hipp und Alete oder sonstigem Süßkram groß geworden, so daß sich scheinbar das Geschmackempfinden bei vielen deutlich verändert hat. Das können wir z. B. auch an den ganzen Biermixgetränken, Alcopopps oder Cappuccino festmachen.  Die meisten Cigarrenfreunde rauchen weniger, weil sich die Gelegenheiten verringert haben. Die Importcigarren spielten früher keine so große Rolle wie heute, zumindest was die publizistische Wahrnehmung betrifft.

Es gibt Scharen von „ What’s New Guys“ die beständig auf der Suche nach dem ultimativen Kick sind. Manchmal frage ich mich, was die erwarten. Die Cigarren – Branche ist so alt, es gibt nichts, was es nicht gibt und nichts, was es nicht schon gegeben hätte. Immer wieder stellt man dann zwangsläufig fest, dass es sich auch nur um Cigarren handelt.

 

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Ihre Firma hat sich schon lange vom Massenmarkt verabschiedet. Seit etwa 1973 setzen Sie auf Qualitätszigarren. Auch Qualitätszigarren brauchen eine gewisse Menge, um die Firma am Leben zu halten. Was ist der Unterschied zwischen Massenzigarren und Qualitätszigarren?

Wir sind ja auch nur eine kleine Firma. Bei der Qualitätscigarre ist die Kunst des Mischens das oberste Gebot und bedarf ständiger Neubelebung und Überwachung, in Abhängigkeit von den Ernteergebnissen.
Eine Konsumcigarre macht man aus einer breit angelegten Mischung, wo Einzelkomponenten keinen besonderen Charakter aufweisen, so dass nichts besonders gut oder schlecht durchschmeckt. Hinzu kommt die oben bereits erwähnte Tabakfolie, die papierähnlich aus Tabakabfällen aufbereitet wird und dann als Rollenware eine Zigarettenähnliche Herstellung der Cigarrenwickel, also der Rohlinge ohne Deckblatt, erlaubt. Wenn das Ganze dann noch aromatisiert wird, ist meist die Auswahl der Tabake für Einlage und Deckblatt nicht mehr so sehr von Bedeutung.

All das machen wir nicht, hier gibt es 100 % Tabak und der Geschmack lebt einzig und allein aus der sorgfältigen Mischung.

 

Wann geniessen Sie gerne eine Zigarre?

Immer, wenn ich nicht gerade schlafe oder krank bin.

Zigarren.Zone: Na, das ist ja mal ’ne klare Ansage, genial! 🙂

 

Was bedeutet es für Sie, eine Zigarre zu verkosten?

Es gibt eine ganze Anzahl von objektivierbaren Kriterien, nach welchen Sie Tabak oder fertige Cigarren verkosten. Macht man die Hausaufgaben gründlich, gilt es, zunächst die negativen Merkmale auszuschließen. Dann kommt es auf das Verhalten an, den Abbrand, die Raumnote und vieles mehr. Sie erfassen quasi mit allen Sinnen.

Danach hat man geschmackliche Vorlieben, die sucht man und so formt sich das Bild, wie eine Cigarre schmecken sollte. Es trägt dabei eine persönliche Handschrift. Ob sie nach all diesen Prozeduren auch anderen schmeckt, zeigt sich dann erst später.

Demgegenüber wundere ich mich schon manchmal über Cigarren, die plötzlich irgendwo gehypt werden. Es gibt scheinbar Leute, die mit recht wenig Geschmack zufrieden zu stellen sind. Nun, es soll ja auch Leute geben, die sich von Fast Food ernähren.

 

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Was planen Sie für die Zukunft Ihrer Firma?

Wir bleiben am Ball, was die fortlaufende Erneuerung anbelangt, wir bleiben innovativ und ständig auf der Qualitätslinie. Jede Ernte ist wieder und wieder ein neues Abenteuer. Die nächste Generation ist aktiv und trägt mit. Wir versuchen die Werte der Tradition hochzuhalten und gleichzeitig zeitgemäß zu arbeiten, so dass der Generationenübergang sowohl im Produkt als auch in Persona gelingen kann. So haben wir noch viele Ideen, doch Geduld ist eine der wesentlichen Tugenden im Umgang mit Tabak.

 

 

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Wie denken Sie, wird sich der Zigarrenmarkt in Zukunft entwickeln?

Der Markt wird sicher noch etwas kleiner aus Mangel an Gelegenheiten. Er wird sich weiter differenzieren, solange in der Karibik sich neue Anbieter entwickeln und damit meine ich nicht nur neue Hersteller sondern auch allerlei „sunny boys“, die sich mit einer Marketingidee irgendwo irgendetwas machen lassen.
Preiswerte Konsumprodukte behalten einen großen Stellenwert, nicht zuletzt als Pausenclown, denn keiner mag mit der Cigarre vor der Tür stehen.

Und ich hoffe, die Auseinandersetzung mit Qualität wird mehr Tiefe bekommen und nicht nur die einmal im Monat gerauchte Cigarre das Maß aller Erkenntnis bleiben. Cigarre zu genießen, ist ebenfalls ein ständiger Lernprozeß.

 

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Wenn es eine Sache gäbe, die Sie den Lesern von Zigarren.Zone gerne mit auf den Weg geben würden, was wäre das und warum?

Was soll man anraten, vielleicht, dass Sie neugierig bleiben auf Cigarre. Vielleicht auch, dass Sie sich mit Hintergrundinformationen beschäftigen, um eine bessere Einordnung vornehmen zu können. Sicher auch, nicht aus einer gerauchten Cigarre auf ganze Serien oder gar Hersteller zu schließen. Gewiss, sich auf den eigenen Geschmack zu verlassen und nicht nur den Posaunenklängen lauter Zeitgenossen zu lauschen. Schließlich vielleicht, für sich die Erwartung an die gerauchte Cigarre in der jeweiligen Situation zu definieren.

Lassen Sie sich auf das Abenteuer Cigarre ein und genießen Sie. Cigarre soll eine angenehme Nebensache sein, wenn ich z. B. mit Freunden zusammen sitze und ich muß mir damit nichts beweisen.

Herr Schuster, vielen Dank für Ihre Zeit, das schätze ich und meine Leser außerordentlich 🙂 Zigarren.Zone wünscht Ihnen weiterhin alles Gute und viele genussvolle und erfolgreiche Momente!

Fotos z.V.g. Schuster Cigars, Philipp Schuster, Annemarie Schuster

Firma August Schuster GmbH& Co KG
Blumenstr. 2-8
D-32257 Bünde
Tel. 0049 5223 651268
Fax 0049 5223 17042

Email: philipp(at)schustercigars.de
Web: http://www.schustercigars.de