Liebe Zigarren.Zone Freunde, heute präsentiere ich euch das Interview mit Michael von Foerster, Chef des VdR (Verband der deutschen Rauchtabakindustrie e.V.). Den Mittelstand wird das Tabakgesetz allein im Bereich des „Rückverfolgbarkeitssystems“ einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. Das ist noch nicht alles, denn weitere Kosten sind in der Pipeline und fliessen bereits. Es werden Betriebe auf der Strecke bleiben. Ein Teilsieg konnte dennoch schon verzeichnet werden: Die Schockbilder sind bei Zigarren und Zigarillos keine Pflicht mehr. Welche Siege können in Zukunft noch errungen werden? Michael von Foerster gibt Auskunft und die Thematik zeigt: Sie ist kompliziert und nicht einfach für den Verband und den Mittelstand.

Vasilij Ratej

Herausgeber, Zigarren.Zone

Herr Michael von Foerster, herzlich Willkommen im Zigarren.Zone Interview. Lassen Sie uns über das Tabakgesetz sprechen. Wie sehen Sie die Zukunft der Zigarre?

Die Zigarre hat als zeitloses Kulturgut ihren Platz in der Zukunft. Zigarren zu rauchen heißt echten, unverfälschten Tabak zu genießen. Mit Muße. Entschleunigung in hektischer Zeit, Konzentration auf das Wesentliche und Kontemplation sind lebenswichtig – und Zigarren daher auch. Jetzt und in Zukunft.

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Der Mittelstand klagt: „Die Politik will die Tabakwirtschaft vernichten.“ Wie sehen Sie das?

Vernichtung ist ein hartes Wort. Aber die aktuelle Politik macht es besonders für den Mittestand schwierig, ihre Qualitätsprodukte in den Markt zu bringen. Ein solches Vorgehen bedroht dann in der Tat die Existenz vor allem der kleineren und mittelständischen Firmen der Tabakindustrie. Und das führt zum Verlust echter, unverfälschter Tabakprodukte wie Zigarren. Die Produktvielfalt bleibt bei gleichmacherischer Regulierung langfristig auf der Strecke.

Der Mittelstand in Deutschland ist gelähmt. Die ihnen auferlegten Kosten sind immens. Welche Kosten muss denn der Mittelstand wegen des Tabakgesetzes tragen?

Beispielsweise müssen die Tabakhersteller mit den zahlreichen Tabakmischungen in verschiedenen Packungsgrößen für jedes einzelne Produkt und jede einzelne Verpackungsart ein vollständig neues und unterschiedliches Design pro Produkt vorhalten. Ein Kostenfaktor, der kleinere Anbieter mangels eigener Grafikabteilung existentiell benachteiligt.

Gravierender allerdings ist das geplante Rückverfolgbarkeitssystem: Dies wird die Unternehmen einen dreistelligen Millionenbetrag kosten.

Hinweis der Redaktion: Artikel beim Verband zum Thema „Rückverfolgbarkeitssystem“. Demnach muss dies für Zigarren und Zigarillos bis Mai 2024 etabliert sein. Dies betrifft auch den Pfeifen-, Kau- und Schnupftabak.

Welche Unterstützung bietet Ihr Verband der Branche?

Zigarrenhersteller sind Teil unserer Volkswirtschaft und verdienen gesetzlichen Respekt statt regulativer Grobmotorik und systematischer Ausgrenzung. Es geht uns auch um die Freiheit erwachsener Menschen für den Genuss ihrer Wahl. Es geht uns um einen gerechten Staat, der uns als Zigarrenraucher und Zigarrenhersteller vor allem als Bürger behandelt.

In diesem Sinne unterstützen wir unsere Mitglieder durch konstruktive Begleitung von Gesetzgebungsprozessen in Bund und EU.

Wie bitte? Geht das bitte konkret: Was tut Ihr Verband für die Branche?

Gerne noch einmal: Wir stehen für Individualität und Qualität der Produkte unserer Mitglieder und arbeiten an einer angemessenen staatlichen Regulierung für Tabakprodukte, die keine Industriezigaretten sind. Kommen Sie doch gerne mit in eines unserer Unternehmen: Sie werden die Vielfalt sehen, die wir in Berlin und Brüssel auf ebenso vielfältigen Wegen der Interessenvertretung umsetzen.

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Wie viele mittelständische Betriebe werden wegen den oben genannten Kosten in den nächsten Jahren ihren Betrieb aufgeben müssen?

Das lässt sich noch gar nicht abschätzen, weil wir die Rahmenbedingungen nicht genau kennen, unter denen wir marktwirtschaftlich arbeiten sollen. Eines ist sicher: Bei dem durch die Politik verordneten Kostendruck werden viele Betriebe auf der Strecke bleiben.

In Deutschland wurden 2014 fast 3,9 Mrd. Stk. Zigarren/Zigarillos verkauft (diese Grafik dürfen Sie nutzen, s.u.). Wie viel war es im Jahr 2016?

Im Jahr 2016 wurden in Deutschland knapp 3,3 Mrd. Zigarren und Zigarillos verkauft. Aber den Vergleich zu 2014 kann man so nicht ziehen. Der signifikante Rückgang in dieser Statistik liegt daran, dass 2014 noch die sogenannten ECO-Zigarillos als Zigarillos versteuert wurden. Seither werden diese als Zigaretten versteuert und fallen so aus der Zigarren-Statistik heraus. Der Markt für klassische Zigarren und Zigarillos ist entgegen dieser Statistik recht stabil. Im Vergleich zu 2015 gab es sogar einen leichten Anstieg.

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Für unsere politische Arbeit sind aber die Zahlen zum Gesamtmarkt viel aussagekräftiger: Danach tragen Zigarren zum gesamten Tabaksteueraufkommen nur 0,7 Prozent bei, die Zigarette hingegen 85 Prozent. Diese Zahlen nutzen wir immer wieder gegenüber dem Gesetzgeber. Sie zeigen sehr schön die Notwendigkeit einer klaren Differenzierung bei der Regulierung der verschiedenen Produktkategorien. Denn die gesetzgeberische „Tabakprävention“ kann klassische, traditionsreiche Genussmittel wie Zigarren und deren Kultur nicht mit den gleichen Mitteln begegnen wie beispielsweise der Zigarette. Die Suchtkeule zieht hier nicht. Hier geht es um bürgerliche Kultur. Und die hat den gleichen Verfassungsrang wie alle anderen Schutzgüter des Grundgesetzes.

Zigarre, E-Zigarette und Zigarette. Die Zigarre wird in den gleichen Topf geworfen wie die Zigarette. Da hat die Branche und Ihr Verband versagt. Für die Zukunft: Wie stellt der Verband der deutschen Rauchtabakindustrie sicher, dass Zigarren nicht in den gleichen Topf geworfen werden wie Zigaretten und E-Zigaretten?

Das stimmt nicht! Sie müssen sehen, wie stark wir in der Arbeit für die Zigarre vorankommen. Ein gutes Beispiel sind die ekelhaften Schockbilder, die nicht für Zigarren gelten. Aus gutem, von uns vorgetragenem Grund. Ein weiteres Beispiel ist die für Zigarren gültige längere Umsetzungsfrist für Track & Trace. Wobei wir hier immer noch nicht verstehen, warum Zigarren behandelt werden wie Schmuggelware, obwohl ein Schmuggelmarkt hier nachweislich nicht existiert. Und letztlich bedarf auch die Aufrechterhaltung des günstigeren Steuertarifs für Zigarren und Zigarillos immer wieder neuer Überzeugungsarbeit. Es gibt durchaus starke Kräfte in Brüssel und Berlin, die diese steuerliche Unterscheidung immer wieder angreifen.

Es kommt einem vor, als ob alle geschlafen hätten. Plötzlich ging die Diskussion los in der Branche, das „große Erwachen“, welche Änderungen das neue Tabakgesetz vorsieht. Wie kann es sein, dass niemand – auch Ihr Verband nicht – jährliche Risikoanalysen durchführt und sich geeignete Schritte schon weit zum Voraus überlegt?

Wir machen diese Riskoanalysen permanent. Auch nicht erst seit 2014. Bei der EU-Richtlinie haben wir uns beispielsweise schon sehr früh eingebracht. Das ist nur natürlich alles nicht immer sofort in der Öffentlichkeit sichtbar. Das Chaos in der Gesetzgebung und die ständig widersprüchlichen Ansagen und Fristen liegen im System des Gesetzgebers begründet. Sie können dem Jäger nicht vorwerfen, dass der Hase ständig Haken schlägt.

Natürlich kann man aber immer noch besser werden. Als Zigarrenraucher gehen wir mit Muße und Verstand vor und durchlaufen einen ständigen Verbesserungsprozess, vor allem im Monitoring auf europäischer und nationaler Ebene. Wenn wieder Erdbeben wie neue Tabakproduktrichtlinie kommen, werden wir den Puls der Regulierungszeit früh pochen hören – und dann an den relevanten Stellen zu sehen sein – mit deutlichen Rauchzeichen.

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Ja, und was tut der Verband jetzt um die Zigarre differenzierter zu positionieren bei der Politik, WHO, Gesundheitspolitik und EU?

Wir werden diesen Gegnern mit Argumenten unserer Verfassung und dem Leitbild des EuGH zum mündigen Verbraucher begegnen. Und wir werden den Institutionen unseres Rechtsstaats vertrauen und mit diesen zusammenarbeiten – im Sinne einer rechtsstaatlichen und verhältnismäßigen Tabakregulierung.

Wie ist es möglich, dass eine EU-Richtlinie in jedem Land anders umgesetzt wird?

Weil sie Spielräume lässt und nur grundlegende Dinge festlegt. Und die Mitgliedsstaaten werden ermutigt, eigene Wege zu gehen. In der Richtlinie stehen die Mindestanforderungen, und die Mitgliedstaaten dürfen das ausgestalten.

Ist es nicht sogar so, dass selbst in Deutschland in den unterschiedlichen Bundesländern das Tabakgesetz unterschiedlich ausgelegt und umgesetzt wird – oder ist das ein Gerücht?

Natürlich erlaubt der föderale Bundestaat, dass Bundesgesetze und Vorschriften durch Landes- bzw. Kommunalbehörden überwacht werden. Sie sehen dies bei der differenzierten Umsetzung der Raucherräume in Gaststätten. In den Ländern jedenfalls haben wir einen präzisen Überblick über föderale Anwendungen der Tabakgesetze.

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Es gibt verschiedene Interessenverbände der Tabakbranche in Deutschland. Welche sind das?

Es gibt wegen der Vielfalt von Tabakgenussmitteln auch für einige Produktkategorien eigene Interessenvertretungen. Als VdR verstehen wir uns seit 1920 als Vertreter der gesamten Tabakbranche mit einem klaren Bekenntnis zum Mittelstand und zur Vielfalt der Angebote, die die Genießer von Tabak in Deutschland nachfragen.

Wie stellt Ihr Verband sicher, dass sich diese Interessenverbände nicht gegenseitig in ihrer Arbeit überschneiden?

Wo es Berührungspunkte gibt, besteht eine gute und konstruktive Zusammenarbeit zwischen den Verbänden. Denn nur wenn die Industrie und ihre verschiedenen Vertreter bei den wichtigen Punkten an einem Strang ziehen, wird eine erfolgreiche Politik in Zukunft möglich sein. Der VdR versteht sich daher durchaus auch als Vermittler zwischen den verschiedenen Interessen der „großen“ Industrie und der z.T. „kleineren“ mittelständischen Hersteller. 

Wie begegnen Sie Politikern und Funktionären?

Wir lauern ihnen in dunklen Ecken auf, haha. Nein. Wir begegnen ihnen mit offenem Visier – und wenn es die Zeit erlaubt: mit einer guten Zigarre im Angebot. 

Wir stehen für die Freiheit des deutschen Tabakmittelstands und des Rechts auf Zigarrenrauch.

Es geht letzlich um die Frage, wie frei wir als Bürger und Konsumenten selbst darüber entscheiden wollen, was wir konsumieren wollen und was nicht. Das berührt auch das Weltbild von vielen Abgeordneten, die auf die verfassungsrechtlich geschützte Freiheit nicht bei jeder Gelegenheit verzichten wollen. Das sind schon auch Grundsatzfragen, die hier verhandelt werden. Das macht die Sache und die Arbeit unseres Verbandes ja auch so spannend.

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Herr von Foerster, vielen Dank für Ihre Zeit, das schätzen meine Leser und ich sehr. Zum Abschluss möchte ich sagen: „Eine Zigarre am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Eine Zigarre am Abend und alles ist überragend.“